Trotz Verletzungsmisere: RWE hat die Stabilität eines Aufsteigers
Das bittere Pokal-Aus gegen RB Leipzig hat für große Enttäuschung gesorgt, doch Rot-Weiss Essen liefert trotz erheblicher Personalsorgen weiter überzeugende Leistungen. Die Defensive ist stabiler denn je, die Punkteausbeute übertrifft die Erwartungen von Trainer Uwe Koschinat. Vieles spricht dafür, dass RWE im Aufstiegsrennen eine gewichtige Rolle spielen kann.
Improvisierte Elf verlangt Leipzig alles ab
Ausgelaugt und erschöpft sanken die rot-weiß gekleideten Akteure nach dieser Pokalschlacht am Dienstagabend auf den durchnässten Rasen. Dass das 1:2 (1:0) von Rot-Weiss Essen gegen RB Leipzig in wenigen Wochen nur noch ein Ergebniseintrag in den Statistiken sein wird, ist aus Essener Sicht nur schwer zu ertragen. Nicht nur aufgrund der verdienten Führung, die trotz Überzahl keinen Bestand hatte. Sondern weil sich schon bald kaum noch jemand erinnern wird, dass RWE einem der besten Klubs Deutschlands so lange Paroli bot, bis der unausweichliche Kräfteschwund einsetzte. Mit einem gelernten Außenverteidiger als Aushilfsstürmer, mit sechs Feldspielern, davon drei Nachwuchsspieler, sowie zwei Torhütern auf der Bank entluden sich sämtliche Akkus selbst mit einem Mann mehr (zu) schnell.
An einem Abend, an dem sich RWE viel Momentum erarbeitet hatte, machte auch die Verletzungsmisere den großen Coup zunichte. Das Bonusspiel wurde nicht veredelt, die Leistung aber fügte sich nahtlos in die überzeugenden Sommer- und Herbstmonate ein. Eine der derzeit spannendsten Fragen rund um Rot-Weiss Essen lautet nun: Wie wird man an der Hafenstraße in sechs bis acht Monaten auf genau diese Saisonphase zurückblicken?
Arbeitssieg gegen Regensburg wie ein Aufstiegsanwärter
Ohne Diskussion ist es in puncto Personalsorgen die wohl prekärste, die RWE seit vielen Jahren erlebt hat. Doch die Darbietungen stimmen und eine zarte Hoffnung nährt sich: Vielleicht rückt die Mannschaft durch jede Hiobsbotschaft noch ein Stückchen näher zusammen? Das 1:0 gegen Jahn Regensburg war alles andere als ein Gala-Auftritt, doch solide Arbeit. Eben einer dieser Abende, an dem man sich schnell zur altbekannten Floskel hinreißen lässt, dass eben so ein späterer Aufsteiger spiele. Auch wenn sich die große Magie gegen Leipzig auf die erste Halbzeit beschränkte, so passte der Auftritt ebenso zum Portfolio eines Aufstiegsaspiranten, insbesondere in puncto Laufbereitschaft und Einsatz.
Kurz vor dem Pokalspiel hatte sich mit Marek Janssen dann auch noch der letzte verbliebene Mittelstürmer vom Training abgemeldet – Rückenschmerzen. Sein Ausfall beschränkt sich womöglich nur auf die nächste Englische Woche, was ein Segen für Uwe Koschinat und seine Lazarettplanungen wäre. Kurios: Vor dem Pokalspiel wurden bereits Rufe seitens der Anhängerschaft laut, Janssen im Zweifel lieber für das kommende Auswärtsspiel in Großaspach zu schonen.
Der Tenor dahinter: Die ohnehin winzige Chance, einen Champions-League-Teilnehmer zu besiegen, sollte weniger wert sein als die viel größere Möglichkeit, weitere Punkte für den (deutlich lukrativeren) Aufstieg in die 2. Bundesliga zu sammeln. Rational betrachtet eine durchaus verständliche Position, der Koschinat folgte. Auch wenn das Weiterkommen letztlich deutlich näher war, als viele dachten. Ob Janssen am Wochenende wieder einsatzbereit sein wird, steht derweil in den Sternen.
Die Konkurrenz schwächelt öfter und heftiger
Rein bilanziell lässt sich über diesen Saisonauftakt wenig klagen: Auf den 2:5-Kaltstart in Saarbrücken folgten im Schnitt 2,1 Zähler aus den vergangenen zehn Partien. Das vor der Saison von Trainer Koschinat ausgerufene Etappenziel, nach zwölf Punktspielen mindestens die 20-Punkte-Marke erklommen zu haben, ist übertroffen. In Großaspach kann der 3. Platz weiter gefestigt werden. Zwar gibt es reichlich Konkurrenz im vorderen Mittelfeld. Doch ob Saarbrücken, Aachen, Ingolstadt, Mannheim oder Rostock: Jedes dieser Teams hatte in jüngerer Vergangenheit erhebliche Leistungsdellen.
Am ehesten wirkt derzeit der Tabellenzehnte aus Wiesbaden, der unter seinem neuen Coach Jochen Seitz eine sportliche 180-Grad-Wendung hingelegt hat und zehn Punkte (14:3 Tore) aus vier Partien sammelte, aufgrund des Momentums wieder als ernstzunehmender Aspirant. Von einem hochklassigen Aufstiegsrennen kann in einer Liga, in der nur die besten drei Mannschaften mehr als die Hälfte ihrer bisherigen Spiele gewonnen haben, aber nicht die Rede sein.
Kaum hoch genug zu bewerten ist die Essener Konstanz vor dem Hintergrund, dass derzeit neben Janssen Topstürmer Semir Telalovic, Jaka Cuber Potocnik, Tony Menzel, Marvin Obuz, Aiman Dardari, Max Geschwill und auch der kürzlich nachverpflichtete Paul Pöpperl teils noch langfristig ausfallen – und der Kader ja im Sommer erst einen massiven Umbruch hinter sich gebracht hat. Doch dank einer intelligenten Mannschaftszusammenstellung, derzeit helfen etwa Lucas Brumme und Jannik Hofmann als "Alleskönner" munter in der Offensive fernab ihrer Stammpositionen aus, bleibt die erste Elf durchweg auf hohem Niveau.
Heimstärke und Abwehrleistungen als Schlüsselfaktoren
Das größte Plus im Vergleich zur ersten Jahreshälfte ist jener Mannschaftsbereich, der bis dato noch vom geringsten Verletzungspech heimgesucht worden ist: Die Abwehr steht mit 13 Gegentoren in gut 1.000 Minuten viel stabiler, zumal acht davon allein aus den beiden Auswärtspartien in Saarbrücken und Münster resultierten. Die Festung Hafenstraße, die mit 40 Punkten aus 19 Spielen schon in der Saison 2025/26 äußerst schwer einzunehmen war, hat ihre Mauern weiter hochgezogen: Nur Hansa Rostock entführte bislang einen Zähler (1:1) aus dem Norden der Ruhrmetropole, viermal bewahrte RWE bereits eine weiße Weste – so oft wie in den Heimspielen der gesamten Vorsaison.
Auch dies war übrigens eine Forderung Koschinats, der in der Vorsaison nach zwölf Partien schon 20 Gegentreffer zu bemängeln hatte. Eine "deutlich bessere Gegentorbilanz" hatte der 55-Jährige gefordert – mit Erfolg. Längst ist eine Selbstverständlichkeit eingezogen, selbst mit gebeuteltem Kader souverän aufzutreten. Die Vermutung liegt nahe: Sollte das größte Verletzungspech bald überstanden sein, hat RWE sehr gute Aussichten, sich in der Aufstiegsregion festzusetzen.
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