Es war ein Erfolg, der nicht mehr zu wiederholen war und für einen Fußball-Drittligisten in naher Zukunft wohl auch nicht mehr zu realisieren ist. Vor genau 50 Jahren gehörte die A-Jugend von Rot-Weiss Essen zu den besten Teams in ganz Deutschland. Der Höhepunkt war ein Endspiel vor 25000 Zuschauern gegen den Erzrivalen Schalke 04. Aber der Reihe nach.
+++ Es kommt Bewegung in den Transfermarkt: RWE sucht den Super-Zehner +++
Das RWE A-Jugendteam hatte in der Saison 1975/76 überraschend vor dem Favoriten Fortuna Düsseldorf die Niederrheinmeisterschaft der Gruppe 1 gewonnen. Um an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft teilnehmen zu können, musste aber zunächst noch der MSV Duisburg, Meister der Niederrheingruppe 2, bezwungen werden. Nachdem beide Teams jeweils auswärts mit 3:2 (RWE) und 1:0 (MSV) erfolgreich waren, kam es im Bottroper Jahnstadion zum entscheidenden dritten Spiel, das Rot-Weiss Essen in der Verlängerung mit 2:1 für sich entscheiden konnte.
Deutlich leichter war anschließend die Aufgabe im Achtelfinale der DM-Endrunde. Rot-Weiss Essen trat zunächst bei der Sportvereinigung Andernach an, gewann mit 3:1 und schlug im Rückspiel die Rheinländer sogar mit 5:0.
Im Viertelfinale spielte die Mannschaft von Trainer Heinz Redepenning im Hinspiel zuhause und gewann gegen den 1. FC Köln nach einem 0:1 Rückstand noch klar mit 3:1. Eine Woche später hatten die Domstädter mit einer 3:0-Führung die Tür zum Halbfinale schon weit geöffnet, ehe das RWE-Team durch Tore von Ralf Holznagel in der 65. Minute und Jürgen Kaminsky in der 75. Minute auf 2:3 verkürzte und somit ins Halbfinale der Deutschen Meisterschaft einzog.
Gegen Titelverteidiger VfB Stuttgart war die Favoritenrolle klar an die Schwaben vergeben, in deren Reihen unter anderem Ralf Rangnick, Dietmar Grabotin und Bernd Klotz standen. Nach einer 1:0-Führung und anschließendem 1:2-Rückstand kam es zum spektakulären 2:2-Ausgleich von RWE-Nachwuchstalent Burkhard Steiner, dessen Seitfallzieher in der ARD-Sportschau als erster von bis heute fünf RWE-Treffern zum „Tor des Monats“ gewählt wurde. In einem verbissen geführten Halbfinale an der Bäuminghausstraße kam RWE vor 7500 Zuschauern zu einem verdienten 4:3-Erfolg.
Doch noch war für den Vorjahresmeister aus Stuttgart alles drin und 11.000 Zuschauer feuerten die Schwaben im Rückspiel enthusiastisch an. Torlos ging es in die Halbzeitkabine, da Detlef Schneider im RWE-Tor sich in einen wahren Spielrausch steigerte und sämtliche Stuttgarter Chancen zunichte machte. Nach dem Wechsel schaffte RWE mit zwei Kontertoren der späteren Klublegende Frank Mill zum 2:0-Sieg die Sensation.
Zum ersten Mal stand eine Jugendmannschaft von Rot-Weiss Essen im Finale der Deutschen Meisterschaft und traf dort auf Schalke 04.
Der Weg des Reviernachbarn ins Finale war wesentlich leichter und ging einher mit Kantersiegen von 5:0 gegen Blau-Weiß 90 Berlin sowie 5:1 und 10:0 Erfolgen gegen Saarlouis-Roden. Lediglich im Halbfinale wurde die Schalker Jugend etwas gefordert. Doch auch hier konnte sie sich mit 2:0 zu Hause und 4:3 beim 1. FC Nürnberg souverän durchsetzen.
Am 24. Juli 1976 kam es so zum ersten rein westdeutschen Endspiel um die deutsche A-Jugend-Fußballmeisterschaft. Begeistert schrieb ein Reporter, dass die 25000 Zuschauer im Herner Stadion Schloss Strünkede für dieses „Finale einen noch nie da gewesenen Rahmen bildeten.“
Für Rot-Weiss Essen spielten Detlef Schneider, Ralf Holznagel (74. Helmut Vennemann), Uwe Hafermaas, Michael Kunze, Burckhard Steiner (61. Joachim Skorupa), Karl-Heinz-Gundersdorff, Frank Mill, Jürgen Sekula, Jürgen Kaminsky, Rainer Meseck, Wolfgang Patzke.
Nicht zum Einsatz kamen Peter Piel und Dirk Schomburg. Trainer war Heinz Redepenning, Betreuer Theo Geeren und Jugendleiter Harald Rittig.
Beherzt nahm RWE die Rolle des krassen Außenseiters an und ging in der fünften Minute durch einen Treffer von Stürmer Jürgen Sekulla mit 1:0 in Führung. Völlig überraschend fiel in die Essener Drangperiode hinein nur drei Minuten später der Ausgleich. Ulrich Bittcher köpfte eine Flanke ins lange Eck und überraschte mit seiner Bogenlampe den falsch postierten Essener Torwart Detlef Schneider.
Der RWE-Nachwuchs zeigte sich davon aber unbeeindruckt, spielte weiter munter nach vorn, ließ schnell und geschickt den Ball laufen - ein Tor wollte aber einfach nicht fallen. Dafür folgte der nächste Schock, als Sekunden vor der Pause dem Schalker Kapitän Thomas Lander erneut mit einem Kopfball die glückliche 2:1-Halbzeitführung gelang. Und direkt nach dem Wechsel musste RWE einen weiteren unglücklichen Treffer hinnehmen. Michael Kunze klärte auf der Linie, traf dabei seinen Mannschaftskameraden Ralf Holznagel am Hinterkopf, von wo aus das Leder ins Netz sprang. Das Spiel war gelaufen, bis zum Schlusspfiff baute Schalke den Sieg zum 5:1 aus.
„Sie ernten die Früchte einer geradezu schulmäßigen, langen Vorbereitungszeit, die über 200.000 Mark pro Jahr kostet“, kommentierte ein Endspielreporter den blau-weißen Finalsieg. Essens Präsident Willi Naunheim musste eingestehen: „Dagegen sind wir Habenichtse. Zu Hause muss die Mannschaft auf einem Ascheplatz spielen, und in der Halbzeit gibt es nicht einmal Kabinen, in denen sie sich aufwärmen könnte.“
Dennoch: Der Titel eines deutschen Vizemeisters der Jugend ist einmalig in der rot-weissen Vereinsgeschichte. Von dem erfolgreichsten Jugendjahrgang, der je bei Rot-Weiss Essen spielte, schafften es sieben Spieler aus der Endspielmannschaft in den Profibereich: Frank Mill, Wolfgang Patzke, Burckhard Steiner, Karl-Heinz Gundersdorff und Jürgen Kaminsky. Zweitligaspiele, Aufstiegsspiele zur 1. Bundesliga, Erstligaspiele und sogar ein Weltmeistertitel stehen in der späteren Profibilanz des rot-weissen Ausnahmejahrgangs 1976. Die Borbecker Nachrichten zogen damals zurecht das Fazit: „Hut ab vor der bravourösen RWE-Jugend.“