Ohne Drama geht’s bei Rot-Weiss Essen nicht: Der 2:5-Fehlstart beim 1. FC Saarbrücken offenbarte erste Fehleinschätzungen von Trainer und sportlicher Leitung. Was nun dringend korrigiert werden muss – und in welchen Belangen RWE sich von Gegner Saarbrücken inspirieren lassen darf.
Eigentlich wollte sich Rot-Weiss Essen auf einen entspannten Segeltörn in die neue Saison begeben – doch mit der 2:5-Klatsche in Saarbrücken wartete kurz hinter der Kaimauer gleich eine mächtige Welle, die den Aufstiegsfavoriten erst einmal ins Schwanken gebracht hat. Alte Probleme brachen mächtiger auf denn je. Wunde Punkte, die sogar schon weit vor dem Saisonstart durch die Öffentlichkeit geisterten, haben sich exakt so bestätigt. Wer als Essener hoffte, am Sonntagnachmittag erste Hinweise darauf zu bekommen, dass es in der Saison 2026/27 endlich klappt mit der Rückkehr in die 2. Bundesliga, der sah diese durchaus – allerdings nur bei den Kickern im blau-schwarzen Dress: Der 1. FC Saarbrücken hatte ab der 31. Minute schwer beeindruckt.
War es eine Kopie des Frühjahrs-Blues, die RWE nach einer wunderbaren ersten halben Stunde ereilt hatte? Eine komfortable 2:0-Führung durch Tore zweier Spieler, die in dieser Saison zu entscheidenden Faktoren werden könnten – Innenverteidiger Ben Hüning und der starke Sturm-Neuzugang Semir Telalovic – ebnete doch bereits den Kurs zum Auftakt nach Maß. Doch mit der ersten Hiobsbotschaft in Form eines Gegentors spielten Kopf und Beine einmal mehr nicht mehr mit. RWE ließ sich in die Defensivhaltung drängen, leistete zu wenig Gegenwehr und war nur Sparringspartner, als der FCS um Ex-RWE-Coach Argirios Giannikis sein Momentum aufbaute.
Was mit erfahrenen Führungsspielern wie Klaus Gjasula und Michael Schultz im Vorjahr schon kaum funktionierte, war jetzt ein noch aussichtsloseres Unterfangen. Als Gesamtheit zitterte sich eine Mannschaft, die nach Ordnung und Struktur lechzte, von Spielphase zu Spielphase, wirkte im Verlauf der zweiten Halbzeit zumindest phasenweise stabiler, ehe es in der Endphase dahinging. Trainer Uwe Koschinat bemängelte hier genau die Qualitäten, die die sportliche Führung eigentlich mit ihren Neuverpflichtungen beheben wollte – Tempo, Intensität, taktische Disziplin.
Ein erstes Zwischenfazit fällt nach den ersten 90 Minuten vielleicht zu früh. Doch der direkte Vergleich mit dem 1. FC Saarbrücken wurde zum Augenöffner: Dort agierte mit Florian Pick ein (erfahrener) Kapitän, der über allem schwebte und das Spiel an sich riss. Dort jagten etwa mit Christian Kühlwetter und Kai Brünker weitere Akteure mit vollem Mentalitätstank über den Rasen. Abzusprechen waren den Essenern diese Tugenden keineswegs, doch individuell und als Team konnten sie diesem Gegner nicht Paroli bieten. Für die Bergeborbecker, die die Kaderplanung schon weitestgehend abgeschlossen und offenbar ohne weitere Führungskräfte geplant hatten, öffnet sich plötzlich ein komplexes Themenfeld: Spieler zu verpflichten ist auch im August leicht, gerade mit einem Top-Etat. Aber einen Leader finden, der in dieser Rolle sofort funktioniert? Klaus Gjasula war im Januar 2025 ein Glücksfall, ständig verfügbar ist ein solcher Spielertyp nicht.
Auch über Koschinat wird indes gesprochen werden. Latent kritisch beäugt wird er mindestens von Teilen des RWE-Umfelds seit vielen Monaten – was an und für sich nicht schlimm, sondern vielmehr gesunder Normalzustand an der Hafenstraße ist. Doch der 54-Jährige wird wissen: Steuermann bleibt er nur, wenn Essen im Sommer 2027 Zweitligist ist. Und dies wird aller Voraussicht nach nur klappen, wenn er die löchrige rot-weiße Defensive stopft.
Im Vorjahr gelang dies mit 66 Gegentoren beängstigend schwach, anschließend wurde Besserung gelobt. Nun gab es – ausgestattet mit einer nominell komfortablen Defensive um den bundesliga-erfahrenen Neuzugang Max Geschwill und Toptorhüter Jakob Golz – gleich wieder fünf Einschläge. 2:5, 3:2, 1:6 und 3:5, so lesen sich die saisonübergreifend vier jüngsten Drittliga-Auswärtspartien. Das sieht weder zweit- noch drittligatauglich aus. Dazu kommt ein Defizit, das kurz nach einer intensiven Vorbereitung nicht auftreten sollte: die mangelhafte Verteidigung ruhender Bälle. Gleich drei davon führten am Sonntag zu Gegentoren.
Kommunikativ bekam Koschinat alle Störfeuer und Mini-Krisen in der Vergangenheit souverän moderiert. Auch sein ungewohnt pampiger Kommentar, er habe "keinen Bock", jungen Spielern mehr Gewöhnungszeit einzuräumen, sollte nicht überinterpretiert werden. Größere Zeichen setzte der Übungsleiter ohnehin anderswo – etwa mit dem Kader-Verzicht auf Youngster Gianluca Swajkowski, der im Saison-Endspurt im Mai plötzlich in die Startelf gespült worden war.
Auch für den dienstältesten Feldspieler, Innenverteidiger Jose Enrique Rios Alonso, gab es an der Saar nur ein Bankticket. Umstrittene Entscheidungen, die sich am Samstag nicht auszahlten. Am kommenden Samstag gibt es mit dem ersten Heimspiel gegen den TSV Havelse die nächste Chance. Alles andere als ein überzeugender Sieg würde weitere Unruhe stiften.