Gelingt Rot-Weiss Essen vier Jahre nach der Rückkehr in die 3. Liga der große Coup? Die Großstadt zwischen Emscher und Ruhr lechzt nach der großen Bühne Zweitklassigkeit, und der Weg scheint bereitet. liga3-online analysiert, welche Spieler in dieser Saison den Unterschied machen – und deckt auf, warum es dabei nicht nur um die ganz großen Namen geht.

Zwei Topscorer, die sich ihr Standing erarbeiten mussten​


Wer die Personalzusammenstellung von RWE in der Saison 2025/26 final bilanziert, der sieht etliche gelungene Griffe – so viele, dass die in Essen ebenfalls fast jährlich vorkommenden Flops völlig kaschiert wurden. Jannik Mause und Luca Bazzoli hieß das Duo, das trotz hoher Erwartungen und entsprechender Gehaltschecks weit hinter den Erwartungen blieb. Dafür aber haben andere voll eingeschlagen, und noch viel wichtiger, auch die bestehenden Akteure haben sich weiterentwickelt. Eine ganz neue, gesunde Team-Hierarchie ist entstanden.

Ja, selbst der für viele Anhänger schwer zu verdauernde Abgang von Ahmet Arslan im Winter erweist sich als gesunde Maßnahme für das Kollektiv. Denn andere haben Freude daran, die Lücken zu füllen und Verantwortung zu übernehmen. Das gute Händchen, das Trainer Uwe Koschinat derzeit bei all seinen personellen Entscheidungen beweist, ist angesichts einer derart großen Auswahl gar nicht leicht.

Schon klar: Ohne Spieler, die die internen Statistiken mit signifikanten Scorerwerten anführen, geht es nicht. Wobei weder Kaito Mizuta (neun Tore, elf Vorlagen) noch Marek Janssen (13 Tore, zwei Vorlagen) im nackten Zahlenwerk zur absoluten Spitze der 3. Liga gehören. Doch Mizutas intensive, trickreiche, zuweilen auch mal unkonventionelle Spielweise schafft auf dem ganzen Platz Räume, in die seine Teamkollegen stoßen. Dazu ist die Abschlussstärke des beidfüßig versierten Japaners auch aus mittelgroßen Distanzen kein Geheimnis mehr. Janssen ist als Mittelstürmer ein klassischer Wandspieler, der nur auf die passenden Hereingaben warten muss und vor allem zwischen Januar und März der Garant für die derzeit 69 Treffer starke RWE-Torfabrik war.

Umso bemerkenswerter, als dass der 26-jährige Mizuta im Januar 2025 bei Arminia Bielefeld aussortiert worden war und im ersten Halbjahr noch einige Anpassungsschwierigkeiten im Ruhrgebiet hatte. Janssen kam gar aus der Regionalliga Nord, präzisiert vom SV Meppen, der ihm nach einigen Transfer-Querelen erst im Sommer 2025 eine Freigabe erteilte. Dann war Janssen im Spätsommer schon halb aussortiert, lehnte aber ab, direkt wieder verliehen zu werden. Eine gute Entscheidung für ihn als auch für Rot-Weiss, wie man heute gelernt hat.

Zwei geliehene Glücksgriffe, die bleiben dürfen​


Eine Offensiv-Leihgabe aus Kaiserslautern? Nach dem Fiasko um Jannik Mause – der im Sommer vom Betzenberg nach Essen verliehene Stürmer wurde zum Inbegriff eines Missverständnis – gab es so einiges Stirnrunzeln im RWE-Umfeld. Zumal Dickson Abiama in den vergangenen drei, vier Jahren wirklich wenige Argumente gesammelt hatte, die ihn zur perfekten Soforthilfe aufwerten.

Doch wie man sich täuschen kann: Flügelstürmer Abiama hat schon jetzt die nach Scorern beste Saison seiner Karriere (zehn Torbeteiligungen) absolviert, brauchte dafür genau elf Spiele. Schon sein Debüt in Aachen war furios, als er als Joker im Alleingang von 1:3 auf den 3:3-Endstand stellte. Mittlerweile fokussiert sich der 27-Jährige auf Direktabnahmen und allerlei weitere Traumtore, erzielt dazu immer wieder das so wichtige 1:0. Kurzum: Was der Nigerianer anfasst, wird zu Gold.

Wer weiß, wie viele Spiele Jannik Hofmann (24) schon absolviert hätte, wenn er nicht eine gewisse Verletzungsanfälligkeit mitbringen würde und sich durch Sperren selbst immer mal aus dem Rhythmus gebracht hätte. Der Rechtsverteidiger bringt alle Tugenden auf den Platz, die an der Hafenstraße gewünscht sind: Gier, Leidenschaft und starkes Durchhaltevermögen – ein Terrier mit Faible für Distanzschüsse, denn alle drei Saisontore erzielte die Leihgabe des 1. FC Nürnberg von jenseits der Strafraumkante.

Auch in allerlei anderen Belangen lässt der Außenbahnspieler seine Vorgänger aus der Saison 2024/25, Julian Eitschberger und Vorjahres-Flop Robbie D`Haese, alt aussehen. So weckt auch Hofmann längst das Potenzial für höhere Aufgaben, was seinem Stammverein allerdings nicht entgangen ist. Ob Abiama und Hofmann fest verpflichtet werden können? Insbesondere bei Letzterem dürften harte Verhandlungen bevorstehen.

Ein emotionaler Leader und die Wucht-Brumme​


Eines der wenigen wirklich schwachen Spiele im Kalenderjahr 2026 erlebte Rot-Weiss Essen beim 3:3-Remis in Aachen. Ein wesentlicher Grund, wie auch Trainer Koschinat im Nachgang feststellte: Sein Alterspräsident Klaus Gjasula (36) fehlte angeschlagen, und mit ihm die gesamte Stabilität der so gern angewandten "Doppelsechs" im Mittelfeld.

Abgesehen von der emotionalen Schiene und unbarmherzigen Zweikampfführung, die der Albaner auch im Herbst seiner Karriere noch pflegt (und damit fröhlich Karten sammelt), bringt er RWE im Ballbesitz Ruhe und bei gegnerischer Ballführung Struktur sowie Koordination. Eine Schlüsselrolle, mit der er Essen schon Anfang 2025 aus dem Tabellenkeller führte und die aus einer guten Drittliga-Mannschaft ein Spitzenteam macht.

"Wucht-Brumme" Lucas Brumme komplettiert das Sextett und gilt in Expertenkreisen als einer der meistunterschätzten Spieler der Liga – mitunter nur deshalb, weil er als Linksverteidiger lange eine vergleichsweise unspektakuläre Position bekleidete. Die einzige nennenswerte Schwäche des 26-Jährigen mochte ab und an die defensive Positionierung sein, während er offensiv einen mustergültigen Allrounder mit Tempo, Übersicht und starker Ballbehandlung darstellt.

Seit ihn Koschinat Anfang März eine Reihe nach vorn beorderte und ihm Francis Bouebari defensiv assistiert, sammelte er bereits fünf Vorlagen sowie ein Tor. In seinem Wirkungsbereich ist Brumme vielleicht der Beste der 3. Liga – und hätte es sich wie viele seiner Teamkollegen verdient, sich bald eine Etage höher probieren zu dürfen.

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