Wenige Tage nach dem Relegations-Tiefschlag von Fürth leckt Rot-Weiss Essen die Wunden. Aber bleibt dafür überhaupt Zeit? Täglich trudeln Personalmeldungen ein, derzeit bevorzugt Trennungen von verdienten Spielern. Die bekannte rot-weiße Achse der Saison 2025/26 bricht in Teilen auseinander, das ist schon jetzt absehbar. Doch wo Lücken entstehen, bieten sich auch Chancen.

Mit Mizuta und Müsel sind zwei Topspieler weg​


Viel Zeit blieb für die Verabschiedungen nicht: Schon am Tag nach dem verlorenen Relegations-Krimi drückte Rot-Weiss Essen im eigenen Stadion acht Spielern mit auslaufenden Arbeitsverträgen die Erinnerungsfotos in die Hände. Tino Casali, Nils Kaiser, Jannik Mause, Danny Schmidt und Kelsey Owusu verlassen RWE dabei ohne die ganz großen bleibenden Eindrücke. Der 33-jährige Michael Schultz muss trotz Kapitänsbinde einem Generationenwechsel Platz machen, Nebenmann Tobias Kraulich ist nach der 66-Gegentore-Saison ebenfalls nicht mehr in der Innenverteidigung gefragt. Achter und schmerzhaftester Verlust war zu diesem Zeitpunkt Topscorer Kaito Mizuta, der für höhere Ziele berufen ist als die 3. Liga – beim Schweizer Meister FC Thun könnte er, sollte der Wechsel bald finalisiert werden, sogar in europäischen Wettbewerben mitmischen.

Doch der zwangsläufige Umbruch hatte damit erst begonnen und erfuhr kürzlich seine Fortsetzung: Relegations-Torschütze Torben Müsel, um dessen Vertragsverlängerung sich die Westdeutschen offenkundig viel zu zögerlich und spät gekümmert hatten, wird ebenfalls höherklassig wechseln – mit Mizuta verlässt RWE damit ein zweiter Akteur der Marke "Ballflüsterer". Hinter vielen weiteren Leistungsträgern stehen derzeit noch Fragezeichen: Wie lange hält die Treue von Stammtorhüter Jakob Golz, der im Sommer 28 Jahre alt wird und noch nie in der 2. Bundesliga aufgelaufen ist?

Wer aktiviert die Ausstiegsklausel für Linksaußen Lucas Brumme? Was wird aus Kaiserslautern-Leihgabe Dickson Abiama, der in der Rückrunde phasenweise berauschend agierte und phasenweise Mittelmaß ablieferte? Und was macht Ramien Safi, der temporeiche, aber ineffiziente Wirbler im Sturm? Sein Vertrag läuft aus, Essen würde verlängern, doch trotz weniger Scorerpunkte in der Saison 2025/26 locken mehrere Zweitligisten den 26-Jährigen. Tendenz: Abschied.

Was im Worst Case übrig bleibt​


Übrig bliebe im Worst Case ein sehr dünnes Gerüst aus Stammkräften wie Klaus Gjasula, Jose Enrique Rios Alonso, Marek Janssen und Jannik Hofmann – wobei Letztgenannter zunächst noch vom 1. FC Nürnberg fest verpflichtet werden muss, doch die Vorzeichen beim Rechtsverteidiger sind gute. Selbst wenn Brumme, Golz und Abiama bleiben sollten: Es steht ein kräftiger Umbruch bevor, die Handschrift einer gesamten Mannschaft wird sich mit diesen Abgängen verändern. Zumal die Zukunft weiterer Spieler wie Sturm-Talent Jaka Cuber Potocnik (Leihgabe vom 1. FC Köln) oder Marvin Obuz nach einer enttäuschenden Saison ebenso ungeklärt ist.

Die Kompensation dieser Abgänge, auf dem Rasen wie im Mannschaftsgefüge, ist die eine Herausforderung. Ein anderes, ein Stück weit hausgemachtes RWE-Problem sind Spielernamen, die als Transferziele im Essener Umfeld extrem schnell in die Öffentlichkeit geraten und sich wiederholt als unrealistisch darstellen. Selbst im Aufstiegsfall hätte sich Essen wohl strecken müssen, um angebliche Wunschspieler wie Aachen-Topscorer Mika Schroers oder Ingolstadts Marcel Costly (wechselt nun zu Bundesliga-Absteiger Heidenheim) verpflichten zu können. Weitere Akteure wie Tim Civeja oder Yassine Bouchama, die als Nachfolger von Torben Müsel im zentralen Mittelfeld heimisch werden könnten, haben ebenfalls gute Kontakte zu Zweitligisten.

Erste konkrete Gerüchte – und einige Großbaustellen​


Schon realistischer ist da, was die "WAZ" am Montagabend vermeldete: Demnach soll RWE an Janne Sietan interessiert dran. Der Sechser avancierte bei Waldhof Mannheim zum unumstrittenen Stammspieler, ist mit bald 24 Jahren noch entwicklungsfähig und bereit für den Schritt zu einem nominellen Topteam der Liga. Gemeinsam mit Gjasula, Ruben Reisig und Talent Gianluca Swajkowski, der immer mehr für seinen Durchbruch bereit wirkt, wäre zumindest das Zentrum schon passabel besetzt. Sietan ist dabei der Prototyp eines für RWE realistisch zu verpflichtenden Spielers, einer, der Ambitionen wecken kann.

Weitere Baustellen sind offensichtlich: Die Unwucht in der Endgeschwindigkeit zwischen blitzschnellen Offensiven und stark drehzahlbegrenzten Innenverteidigern muss mit der Hinzunahme temporeicher Defensivleute reduziert werden, im offensiven Mittelfeld muss ein neuer Taktgeber in die großen Fußstapfen von Kaito Mizuta und Vorgänger Ahmet Arslan treten. Und schließlich ist da ja, trotz einer 78-Tore-Saison, die immer wieder aufkommende Frage nach dem ersten echten Torjäger seit Simon Engelmann zu Viertliga-Zeiten. Ein vielseitiger Stürmertyp wie Erik Engelhardt, wie Lex Tyger Lobinger oder Sigurd Haugen geht Rot-Weiss Essen noch ab. Umso wahrscheinlicher ist, dass Trainer Uwe Koschinat diesen (teuren) Wunsch mit höchster Priorität für die kommenden Wochen kategorisiert hat.

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