Am Samstagnachmittag erlebte Rot-Weiss Essen in der „WIRmachenDRUCK Arena“ in Aspach seinen schwärzesten Tag in der bisherigen Saison. Mit 1:6 wurde die Mannschaft von der zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart regelrecht vorgeführt, die Darbietung grenzte zeitweise an Arbeitsverweigerung.
Kaum eine Phase des Spiels, die eine Mannschaft auf Augenhöhe gezeigt hätte: Nach einem unnötigen Elfmeter lag man bereits früh zurück, das 0:2 durch ein Traumtor kurz vor der Pause wirkte symptomatisch für die gesamte Saisonleistung – und in Hälfte zwei passierte dann das, was man eigentlich nicht mehr für möglich gehalten hatte: Das Spiel kippte komplett, die Abwehr stand wie ein Scheunentor offen, und Gegentor auf Gegentor folgte. Am Ende stand ein 1:6, das an Deutlichkeit kaum zu überbieten war.
Der "Systemabsturz": Wie Koschinat das Desaster analysiert
Nach dem Abpfiff stellte sich Trainer Uwe Koschinat dem Mikrofon und suchte nach Worten. "Systemabsturz" war das Wort, das er prägte, doch eine echte Erklärung blieb er schuldig. Bei MagentaSport sprach er von einem "Rätsel, warum wir teilweise wirklich auseinandergefallen sind" .
Seine Analyse der Mannschaft war gleichermaßen treffend wie vernichtend: "Es geht jetzt darum, Spieler zu finden, die mit der Situation leichter umgehen, als die, die heute auf dem Platz gestanden haben, das muss man so klar sagen." Eine fatale Aussage, denn wenn ein Trainer kurz vor Saisonende fünf Spieltage vor Schluss öffentlich verkünden muss, dass er seine eigenen Spieler für mental nicht bereit hält, dann offenbart das nichts weniger als ein offensichtliches Führungsversagen.
Dennoch muss einschränkend gesagt werden: Die Mannschaft war zu diesem Zeitpunkt dezimiert. Klaus Gjasula (gesperrt), Franci Bouebari und Abiama (beide muskuläre Probleme) fehlten, doch selbst in ihrer Abwesenheit kann eine angebliche Spitzenmannschaft nicht derart chancenlos untergehen.
Die schockierende Statistik einer wohmöglich gescheiterten Aufstiegssaison
Die nackten Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache, die den Verantwortlichen eigentlich die Augen öffnen sollte: 64 Gegentore in 36 Spielen – die mit Abstand schlechteste Defensive aller Aufstiegskandidaten. Das ist keine Momentaufnahme, sondern ein grundsätzliches Konstruktionsproblem, das sich wie ein roter Faden durch die gesamte Saison zieht.
13 verursachte Elfmeter – ebenfalls Ligaspitze, hier jedoch im negativen Sinne. In den drei Spielen zuvor setzte es insgesamt 13 Gegentreffer. Zwei Wochen zuvor führte man noch 3:1 in Cottbus und kassierte dann in neun Minuten fünf Gegentore. Es folgte eine 1:2-Pleite gegen Saarbrücken, in der das Team nach der Führung komplett zusammenbrach. Und nun das 1:6 in Stuttgart. Das ist kein Zufall mehr, das ist ein Muster. Das ist keine Pechsträhne. Das ist ein desaströses Zeugnis für die Arbeit des Trainerteams und ein Indiz dafür, dass der eingeschlagene Weg nicht nur eine strukturelle Schwäche offenbart, sondern auch die mentale Komponente völlig ignoriert wird.
"Von eins bis elf deutlich zu wenig": Steegmanns vernichtendes Urteil (und sein fatales Treuebekenntnis)
Sportdirektor Marcus Steegmann fand nach dem Spiel ebenfalls deutliche, fast schon vernichtende Worte: "Von der ersten bis zur letzten Minute war es von eins bis elf heute deutlich zu wenig." Jeder Einzelne müsse nun den "Reset-Knopf drücken" .
Dennoch: Nur wenige Sätze später stellte sich Steegmann vor seinen Trainer und sprach ihm für die letzten beiden Saisonspiele das Vertrauen aus. Das allein ist bemerkenswert, denn ein Trainerwechsel wäre zu diesem Zeitpunkt vielleicht das einzig logische Signal gewesen, um noch einmal ein Zeichen zu setzen. Stattdessen schweigen die Verantwortlichen und halten an einem Konzept fest, das sich in den entscheidenden Wochen als komplett untauglich erwiesen hat. Steegmann selbst findet die Frage nach einer Trainerdiskussion in dieser Situation sogar "deplatziert" .
Eine kaum verständliche Entscheidung in einer Phase, in der das Team kurz vor dem Kollaps steht. Die Mannschaft signalisiert seit Wochen auf dem Platz, dass sie den Anforderungen einer Aufstiegssaison nicht gewachsen ist. Und ein sportlicher Leiter, der dies erkennt und gleichzeitig nichts unternimmt, macht sich in hohem Maße mitverantwortlich für das, was auf den letzten Metern dieser Saison noch passieren könnte.
MSV Duisburg zieht vorbei: Die bittere Konsequenz
Die Folgen des Debakels ließen nicht lange auf sich warten: Im Parallelspiel am Sonntag gewann der MSV Duisburg das direkte Duell gegen Energie Cottbus im Spitzenspiel und zog mit nun 65 Punkten an RWE (63 Punkte) vorbei. Vor zwei Spieltagen hatte man noch sieben Punkte Vorsprung auf die direkte Konkurrenz, jetzt ist man Tabellenvierter, der Aufstieg ist nicht mehr in der eigenen Hand, der Traum von der 2. Liga droht endgültig zu platzen. Der MSV befindet sich derweil im Aufwind, während RWE weiter abstürzt.
Die Fans haben längst geurteilt: "Ganz ohne Hirn", "Karma" und laute Tumulte
Die Reaktionen in den sozialen Medien und im Stadion selbst waren heftig – und sie trafen vor allem die Akteure auf dem Platz und an der Seitenlinie. In der Kurve tobte während des Spiels ein regelrechter Tumult: RWE-Fans gingen aufeinander los, eine Frau wurde geschlagen, die sanitären Anlagen wurden demoliert. So etwas ist natürlich nie zu rechtfertigen und beschädigt das Bild des Vereins nachhaltig. Aber es zeigt auch das Ausmaß der Frustration, das Chaos und die Wut, die sich inzwischen in den eigenen Reihen breitgemacht haben – auf allen Ebenen.
Online fielen die Kommentare entsprechend aus: "Söldner", "Karma", "ganz ohne Hirn" – das waren noch die harmlosen Urteile. Ein Kommentar bringt es auf den Punkt: "Die Abt. ganz ohne Hirn hatte mal wieder Freigang." Ein anderer schrieb: "Nach so einem Spiel kann ich mir nicht vorstellen, dass er die Mannschaft noch erreicht."
Die Stimmung gegenüber dem Trainer ist gekippt, das Vertrauen in seine Fähigkeiten ist auf einem absoluten Tiefpunkt. Die Mehrheit der Fans scheint längst erkannt zu haben, was die Verantwortlichen nicht sehen wollen: Dass dieser Trainer die Mannschaft nicht mehr erreicht.
Verteidigung des Unhaltbaren: Koschinats taktisches Armutszeugnis
Doch kommen wir zu den entscheidenden Fragen, die sich jeder Fußballkenner nach diesen Wochen stellen muss: Welche taktischen Handschriften sind eigentlich von Koschinat sichtbar? Wo sind die stabilisierenden Maßnahmen, die eine Mannschaft in der Krise braucht?
Die Antwort: Fehlanzeige. Zwischen der 72. Minute in Cottbus und dem Abpfiff in Stuttgart kassierte RWE in knapp 200 Spielminuten 13 Gegentore. Das ist kein Betriebsunfall mehr – das ist eine Bankrotterklärung jeder defensiven Organisation, die ein Trainer seiner Mannschaft tagtäglich vermitteln sollte. Die Analyse fällt ernüchternd aus: 64 Gegentore in 36 Spielen stellen mit großem Abstand die schwächste Defensive aller Aufstiegskandidaten dar, dazu kommt ein Spitzenwert von 13 verursachten Elfmetern. Das sind nackte Zahlen, die man bei einem Spitzenteam nicht für möglich halten würde.
Gegen Saarbrücken stellte die Koschinat-Elf nach der frühen Führung das Fußballspielen komplett ein. Gegen Stuttgart II offenbarte sie gravierende Tempodefizite – fünf von sechs Gegentoren resultierten aus einfachen Umschaltmomenten. Die Schuld bei Einzelspielern zu suchen, greift hier zu kurz. Es sind systemische Probleme, die sich durch die gesamte Saison ziehen. Koschinat selbst formulierte dies unfreiwillig treffend als "Probleme, die wir eigentlich nie hatten. Das schleppen wir durch die Saison, und das ist auch völlig unabhängig von Grundordnung und Aufstellung".
Genau hier liegt der Kern des Versagens: Ein Trainer, der es nicht schafft, grundlegende defensive Stabilität zu implementieren, der keine Antwort auf offensichtliche Schwachstellen findet, der zugibt, dass Defizite unabhängig von Formation und Personal bestehen – dieser Trainer wird eine Mannschaft nicht in die 2. Bundesliga führen. Die einstige defensive Stabilität, die eigentlich das Markenzeichen von Koschinat war, ist längst zur Fiktion verkommen.
"Systemabsturz" als Schutzbehauptung: Wenn der Trainer selbst keine Antworten hat
Das Bedrückendste an der gesamten Situation ist Koschinats eigene Fassungslosigkeit. "Wenn ich eine Erklärung hätte, hätte ich das auch im Spiel justieren können. Es gibt im Fußball Situationen, die man verarbeiten muss und auf die man nicht sofort eine Antwort hat", sagte der Trainer nach dem 1:6-Debakel. Einräumen, dass er keine Erklärung hat, dass er nicht rechtzeitig reagieren konnte – das mag ehrlich sein, aber es ist auch ein fatales Eingeständnis eigenen Unvermögens.
Das Wort "Rätsel" fiel mehrfach – Koschinat suchte nach Antworten für das Auseinanderfallen seiner Mannschaft, für Spieler, "die über Wochen in herausragender Form gespielt haben und jetzt auf der Suche nach Sicherheit und klaren Lösungen sind". Wenn ein Trainer in der heißen Phase des Aufstiegskampfes auf solche Zustände trifft, ohne Gegenmittel zu haben, dann fehlt ihm offensichtlich das entscheidende Werkzeug, um in Drucksituationen souverän zu agieren.
Noch bezeichnender: Koschinat gab öffentlich zu, dass es nun darum gehe, "Spieler zu finden, die mit der Situation leichter umgehen können, als die, die heute auf dem Platz gestanden haben, das muss man so klar sagen". Fünf Spiele vor Saisonende die eigene Mannschaft öffentlich zu desavouieren und zu signalisieren, dass man den Kickern das Vertrauen entzieht, ist eine Bankrotterklärung. Aber noch mehr: Es ist der Beweis, dass Koschinat nicht in der Lage ist, seine Spieler mental zu erreichen und durch eine Krise zu führen.
Seine eigene Kritik an Rios Alonso – die zuletzt hohe Fehlerquote habe ihn "sehr sauer" gemacht, er habe ein ernstes Gespräch geführt – mag für sich genommen berechtigt sein. Aber diese öffentliche Einzelkritik wirkt in der Gesamtsituation wie das Abladen auf einen Sündenbock. Systemischer Versagen wird so auf individuelle Fehler reduziert – ein klassisches Muster.
Der fatale Rückhalt: Warum Steegmanns Vertrauensbeweis unverständlich bleibt
Vor diesem Hintergrund wirkt die Entscheidung von Sportdirektor Marcus Steegmann, Koschinat bis zum Saisonende uneingeschränktes Vertrauen auszusprechen, nahezu fahrlässig. Nach dem Debakel in Stuttgart stellte sich Steegmann vor seinen Trainer, sprach von einem "Systemabsturz", bei dem "der Kopf eine große Rolle gespielt habe". Und kündigte zugleich an, dass es "keine Trainerdiskussion" geben werde. Eine Frage nach der Zukunft des Trainers sei geradezu "deplatziert".
Dieses Beharren auf Kontinuität mag menschlich nachvollziehbar sein – Steegmann hat Koschinat schließlich selbst geholt. Sportlich ist es jedoch nicht zu rechtfertigen. Es erinnert an die berüchtigte "Vertrauensfrage" eines Politikers, der kurz vor dem Scheitern steht. Der öffentliche Rückhalt für Koschinat wirkt wie ein verzweifelter Versuch, Ruhe zu bewahren – während das Schiff längst zu sinken beginnt.
Die bittere Ironie: Diese Entscheidung reduziert den Druck auf den Trainer nicht, sondern erhöht ihn noch. Jetzt weiß jeder in der Liga, dass Koschinat auch nach 13 Gegentoren in drei Spielen nicht infrage gestellt wird. Das ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Führungsschwäche – auf mehreren Ebenen.
Mental am Ende: Die Mannschaft spiegelt den Zustand ihres Trainers
Die Konsequenzen dieser Gemengelage sind auf dem Platz deutlich sichtbar. Kaito Mizuta weinte nach dem 1:6 bitterlich. Spieler, die über weite Strecken der Saison zu den Leistungsträgern zählten, wirken verunsichert, gelähmt, orientierungslos. "Zu viele Spieler sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt", diagnostizierte Koschinat selbst. Auch das ist ein Eingeständnis seines eigenen Versagens: Ein Trainer muss aus einer Gruppe verunsicherter Einzelspieler wieder eine eingeschworene Einheit formen. Koschinat schafft es nicht.
Das Fehlen von Führungsspielern wie Klaus Gjasula oder Franci Bouebari mag eine Erklärung sein. Eine Rechtfertigung für eine derart desaströse Vorstellung in einer entscheidenden Phase der Saison ist es nicht. Spitzenmannschaften müssen auch in schwierigen Phasen funktionieren. Der MSV Duisburg zeigt vor, wie es geht: Sie spielten ihre personellen Probleme herunter und gewannen das entscheidende Spitzenspiel gegen Cottbus – und zogen an RWE vorbei.
Dass die Fans der Mannschaft nach dem Spiel dennoch zusprachen und die Spieler auf den Endspurt einschworen, spricht für die außergewöhnliche Verbundenheit der Anhängerschaft. Aber diese Loyalität ist kein Freibrief für den Trainer. Im Gegenteil: Sie dokumentiert, wie sehr die Fans ein Scheitern in erster Linie der sportlichen Leitung anlasten – nicht zuletzt dem Trainer.
Die nackten Zahlen: Höchststrafe für die Defensive
RWE stellt mit 64 Gegentoren die mit Abstand schwächste Defensive aller Aufstiegskandidaten, hat die meisten Elfmeter verursacht und – was die Mannschaften betrifft – das offensichtlichste Tempodefizit. Und das unter einem Trainer, der einst als Defensivspezialist galt.
Die Statistik lügt nicht: In den letzten vier Partien schlug es insgesamt 13-mal im RWE-Gehäuse ein. Hochgerechnet auf 38 Partien würde Essen bei fast 60 Gegentoren enden. Zum Vergleich: Die Aufsteiger der letzten Jahre hatten in der Regel zwischen 35 und 45 Gegentoren.
Wenn sieben Siege in Serie auf eine solche Negativphase treffen, dann zeigt dies die eigentliche Wahrheit einer Spielzeit: Es war letztlich die Serie, die Ausnahme. Die Gegentorflut dagegen zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison. Koschinat selbst sprach davon, dass man sich diese Defizite "durch die Saison schleppt". Ein Trainer, der solche Muster zulässt, hat seine Hausaufgaben nicht gemacht.
Das unvermeidliche Fazit: Koschinat ist nicht der richtige Trainer für diesen Kader, diese Situation und diesen Verein
Die Gesamtbilanz von 64 Punkten aus 36 Spielen ist objektiv nicht schlecht. Koschinat hat letztes Jahr den Klassenerhalt geschafft und in dieser Saison zwischenzeitlich auf einem Aufstiegsplatz rangiert. Das verdient Respekt. Aber es verschiebt nicht den Blick auf die entscheidende Frage: Ist Uwe Koschinat der richtige Trainer, um eine junge, hungrige Mannschaft über die Ziellinie zu führen? Die Antwort der letzten zwei Wochen lautet eindeutig: Nein.
Koschinat wirkt in der Krise ratlos. Sein Team spielt seit Wochen ohne taktische Linie, defensiv anfällig und offensiv ohne Durchschlagskraft. Die Spieler scheinen die Botschaft ihres Trainers nicht mehr zu erreichen. Öffentliche Kritik, taktische Umstellungen ohne Wirkung – es ist nicht mehr zu übersehen, dass der Punkt erreicht ist, an dem eine Trennung die einzig logische Konsequenz wäre.
Aber Steegmann hält an ihm fest, bis zum Saisonende. Es ist ein riskantes Spiel. Die letzten beiden Spiele gegen Verl und Ulm könnten den Verantwortlichen noch die Quittung geben. Denn wenn diese Mannschaft unter diesem Trainer weiter so auftritt, wird der Traum Aufstieg ausgeträumt sein – und RWE bleibt ein Drittligist mit einem Kader, der für mehr ausgelegt war, scheitert aber an einem Trainer, der genau das nicht leisten kann.
Weiterlesen auf XSzene.de →
https://xszene.de/artikel/am-samsta...irmachendruck-arena-in-aspach-seinen-schwaerz